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"Tante Rita ist jetzt mein Kind"

Interview mit der Angehörigen einer Demenz-Patientin

www.alois.de: Frau Grabitz*, seit gut vier Jahren kümmern Sie sich intensiv um Ihre 82-jährige Tante Rita*, die an Demenz erkrankt ist. Was hat sich seitdem verändert?

Christine Grabitz: Meine Tante war bis Ende 2001 noch sehr rüstig. Sie lebte allein, versorgte ihren Haushalt und kümmerte sich selbstständig um ihre Bankgeschäfte. Dann hatte sie zu Hause einen Schlaganfall, den sie nur knapp überlebte. Nach Krankenhaus und Reha habe ich sie zu mir geholt, weil sie nicht mehr ohne Unterstützung zurecht kam. Damals hatte sie allerdings lediglich Gesundheitsprobleme, die mit ihrem Diabetes und dem Schlaganfall zusammenhingen. Der Kopf war noch ziemlich klar. Von Demenz keine Spur.

www.alois.de: Wann haben Sie das erste Mal bemerkt, dass irgendwas nicht stimmt?

Christine Grabitz: Obwohl meine Tante inzwischen zu mir gezogen war, hatte sie immer noch ihren Garten zu versorgen. Dort sind wir regelmäßig mehrmals pro Woche mit dem Auto hingefahren und haben uns um die Beete gekümmert. Den Weg zum Garten kannte sie wie ihre Westentasche. Eines Tages, als wir wieder einmal dahin unterwegs waren, fragte sie mich, wo wir gerade seien. Zunächst dachte ich, sie macht einen Witz, aber dann sah ich den verwirrten Ausdruck in ihren Augen. Bald danach ließen ihre geistigen Kräfte immer schneller nach.

www.alois.de: Wie geht es Ihrer Tante jetzt?

Christine Grabitz: Sie ist hilflos wie ein kleines Kind und braucht meine Hilfe bei Aufstehen, Anziehen, Körperpflege, Essen oder Zubettgehen. Wenn sie eine gute Phase hat, ist sie relativ ruhig und ansprechbar. Dann muss ich auch nur zwei Mal in der Nacht aufstehen und nach ihr schauen. An schlechten Tagen hält sie mich ganz schön auf Trab. Sie versteckt ihre Sachen, ihre Kleidung, ihr Gebiss oder auch ihre Windeln. Nachts ist sie verwirrt und ängstlich, sieht Fremde oder bissige Hunde in ihrem Zimmer. Dann komme ich kaum zum Schlafen. Früher gab es diese verwirrten Nächte etwa alle zwei Monate. Jetzt treten sie immer häufiger auf, meistens ein Mal pro Woche.

www.alois.de: Und wie geht es Ihnen?

Christine Grabitz: Die Pflegebelastung ist schon sehr hoch: ein 24-Stunden-Job. Außerdem vermisse ich meinen Beruf als Taxifahrerin. Das hat mir viel Spaß gemacht. Aber Tante Rita ist immer wie eine Mutter zu mir gewesen. Da will ich etwas von dem, was sie mir gegeben hat, zurückgeben. Natürlich ist es nicht leicht, mit einer Demenzkranken zusammenzuleben. Ich kann sie ja keine Minute aus den Augen lassen. Tante Rita ist jetzt mein Kind. Aber im Gegensatz zu Kindern, die mit den Jahren selbstständiger werden, baut meine Tante immer mehr ab. Dabei zuzusehen tut weh und belastet mich am meisten.

www.alois.de: Seit Sommer 2005 machen Sie, Ihre Tante und Ihr Hausarzt beim IDA-Projekt mit. Was hat es für Sie gebracht?

Christine Grabitz: Ich habe immer den Kontakt zu anderen vermisst, die auch demenzkranke Angehörige pflegen. Dann machte mich unser Hausarzt im Rahmen des IDA-Projekts auf eine Angehörigengruppe aufmerksam. Die besuche ich seitdem regelmäßig. Das ist eine kleine Gruppe, die sich alle 14 Tage für 1,5 Stunden trifft. Unsere Demenzkranken werden in der Zeit nebenan betreut. Diese Treffen tun mir so gut! Endlich kann ich mich mit Menschen austauschen, denen es ähnlich geht wie mir.

www.alois.de: Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Christine Grabitz: Dass Tante Rita nicht noch mehr verfällt und dass ich sie noch lange bei mir behalten kann.

www.alois.de: Und für sich persönlich?

Christine Grabitz: Mehr Zeit. Einmal wieder in die Sauna gehen – das wär schon was.

* alle Namen geändert

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